Familiensache

Tim* braucht die Messer. In seinem Zimmer, im Schrank, am Bett. Kurze Messer, lange Messer, scharfe Messer, stumpfe Messer, Messer zum Schnitzen, Messer zum Fischeaufschlitzen.

Sein Vater sagt: "Das hat nach der Sache vor Gericht angefangen, er bewaffnet sich. Als ob er sich schützen müsste."

Seine Mutter sagt: "Wenn sie wieder abgesagt hat, braucht er seine Messer. Ich hab manchmal Angst."

Tim sagt: "Mama, ich pass gut auf. Mit einem Messer kann man Gerechtigkeit schaffen, aber auch Frieden für sich selbst."

Tim ist zwölf. Sein Vater und seine Mutter sind nicht seine leiblichen Eltern. Er wohnt seit elf Jahren bei ihnen. Er nennt sie Mama und Papa. Seine leibliche Mutter hat er zum letzten Mal vor fast zwei Jahren gesehen. Er schreibt ihr manchmal. Manchmal schreibt sie zurück. Die Sache vor Gericht: Da wollte sie ihn wiederhaben.

Tim sagt: "Wenn man in den Wald geht und etwas schnitzt und mit den Händen etwas baut, dann kann man Frieden finden." Er muss mit der Frage fertigwerden: ­Warum hat meine Mutter mich verlassen? Er muss die Frage jetzt aushalten, er muss sie in der Pubertät aushalten, er muss sie als Erwachsener aushalten, er muss sie aushalten, bis er alt und müde ist.

Es gibt 81.000 Pflegekinder in Deutschland. So viele wie nie zuvor. 81.000 Mal die Frage: Warum? 81.000 Antworten.

Wie leben die Kinder, die sich dieser ­Frage stellen? Auf der Suche nach Antworten bin ich von September 2019 bis Februar 2020 ein halbes Jahr lang durch Deutschland gereist, ich sprach mit Forschern, Psychologinnen, Ärzten, Juristinnen, Mitarbeitern von Jugendämtern, Aktivisten, leiblichen Eltern, Pflegeeltern – und mit Pflegekindern. Bevor ich all diese Menschen traf, wusste ich fast nichts über Pflegekinder. Ich erinnerte mich an ein paar Kriminalfälle, in denen Kinder nach Misshand­lungen im eigenen Elternhaus zu Pflegefamilien gebracht wurden. Fälle, in denen frühere Pflegekinder zu Tätern geworden waren. Ich las, dass jedes zweite Pflegekind eine psychische Störung habe. In der "Normalbevölkerung" sei es nur jeder Zehnte. Pflegekinder seien häufiger gewalttätig, kämen häufiger ins Gefängnis, begingen häufiger Suizid.

Wie geht eine Gesellschaft mit denen um, die ihre Hilfe am dringendsten brauchen? Wo kommt man hin im Leben, wenn der Start schwierig ist?

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